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Das Titelfoto…
…hat Typreferent Michiel Kruitjof bei seiner Reise nach Dänemark aufgenommen. Es zeigt seinen Super 6. Und es hat mich auf die Idee gebracht, zusammen mit Michiel und Rainer Wieler die Sonderkarosserien dieser Baureihe in einem Zweiteiler zu präsentieren.

Außerdem in Heft 242:  

                                   

Report:

Mein erstes Auto - Opel Rekord C

von Peter Schneider


Mit dem Commodore B auf die  Histo-Monte Rallye
von Hanns Proenen und Stefan Heins


Technik:

Restaurierung Opel Kadett A Caravan
von Axel Rohrberg


50 Jahre Rekord C und Commodore A

von Dieter Brand


3.0-24V - Geschichte eines Motors

von Martin Siemann


Historie:

Schweden-Rallye 1982

von Alois Drexler

Auf die Homepage übernommene Themen:       

Opel Super 6, Teil 1
Rainer Wieler *766


Die Ärtze

Jürgen Reitz *4619


Kleine Geschichte über einen "Bienen-Opel" Bj. 1939

Mattia Ferrari *782

„Stark der Motor, formschön die Linie“

Opel Super 6, Teil 1

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Zwar nahm der Super 6 einige Elemente des sehr progressiven ersten Kapitän voraus, doch in einem Punkt bot er viel mehr als der berühmte Nachfolger: Zahl der verfügbaren Aufbauten. Wir stellen die Varianten im Zuverlässigen vor. Den Anfang machen eine Einführung in das Thema aus der Feder von Typreferent Rainer Wieler mit Aufnahmen von Limousine und Werkscabriolet.

Mit dem Super 6 führt das Unternehmen zum ersten Mal einen Motor mit hängenden Ventilen in das Modellprogramm der Großserie ein. Betätigt werden die Ventile über eine stirnradgetriebene Nockenwelle, Stößelstangen und Kipphebel. Der kurzhubige 2,5 Liter-Sechszylinder-Reihenmotor leistet 55 PS und beschleunigt den Super 6 auf eine Höchstgeschwindigkeit von 117 km/h. Von größerer Bedeutung ist die Dauergeschwindigkeit von 100 km/ - ein „autobahnfester“ Antrieb gilt in Zeiten des wachsenden deutschen Autobahnnetzes als Qualitätsmerkmal modernem Fahrzeugbaus. Das für hohe Drehzahlfestigkeit ausgelegte Triebwerk glänzt mit hohem Drehmoment, seidenweichem Lauf und, gemäß des Leitspruchs „Opel, der Zuverlässige“, vorbildlicher Standfestigkeit. „Vorzüge, die bisher meist kostspieligen Sport- und Hochleistungsmaschinen vorbehalten blieben, werden nunmehr mit dem Opel Super 6 auch den Käufern einer mittleren Preisklasse zur Verfügung gestellt“, fasst der Katalog das technische Alleinstellungsmerkmal des neuen Super 6 zusammen.

Das leistungsstarke Triebwerk prädestiniert den Super 6 für den Einsatz im Motorsport: Auf Basis des Super 6 entstehen speziell vorbereitete, 65 PS starke Gelände-Sportwagen, die den Geländesport dominieren und bei Langstreckenprüfungen wie der „Internationalen Deutschen Alpenfahrt“ zahlreiche Siege erringen.

Ab Werk steht eine viertürige Limousine und eine Cabriolet-Version zur Wahl, ab 1938 ist auch eine zweitürige Limousine erhältlich. Im Gegensatz zum 1935 präsentierten Opel Olympia mit selbsttragender Karosserie findet beim Super 6 auch weiterhin die klassische Bauweise mit Kastenrahmen und separatem Aufbau Verwendung. Dies kommt Karosseriebauern wie Hebmüller, Autenrieth, Buhne oder Gläser entgegen, die für den Super 6 elegante, maßgeschneiderte Roadster- und Cabriolet-Kleider entwerfen. „Stark der Motor, formschön die Linie“, heißt es folgerichtig in der Werbung für den neuen Super 6.

Mit dem Super 6 baut Opel seinen Vorsprung in der Sechszylinder-Klasse weiter aus und festigt seine Position als größter Automobil-Hersteller Europas. Bis zur Vorstellung des Nachfolgers Kapitän im Jahr 1938 werden 46.453 Einheiten des Super 6 produziert.

Text: Rainer Wieler *766,
Fotos: Archiv Rainer Wieler, Archiv Opel Classic der
Adam Opel AG, Archiv ALT-OPEL IG


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Ohne Ermüdung des Fahrers bewältigt der 1934-Opel-Sechszylinder dank
der neuen Opel-Synchron-Federung auch schlechte Wege

(Preis der viertürigen Limousine RM 3600)

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Aus den Opel-Werken, Rüsselsheim

In langen Kolonnen stehen die Wagen
versandbereit. 44% aller im Jahre 1934
zugelassenen Personenwagen waren
Opelwagen

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Jeder Wagen schafft Arbeit und Brot für Tausende
deutscher Volksgenossen!

Die neuen 1,3 Liter und Sechszylinder
Opel-Limousinen stehen für die Berliner
Automobilausstellung versandbereit

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Die Freude an einem sonnigen Frühlingstag beginnt
mit der Fahrt im 2 Liter Sechszylinder
Opel mit Opel Synchron-Federung

(Preis der viertürigen Limousine RM 3600)


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Spagat: Das Werkscabriolet wurde in
der Werbungmondän dargestellt,
war aber erschwinglich

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Dank konventioneller Bauweise mit
Rahmen ließ sich eine viersitzige
Karosserie
realisieren
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Vom Zweiliter lässt sich der Super 6 am
einfachsten am bombierten Kühlergrill

unterscheiden. Dieses Werkscabriolet
gehört unserem Mitglied Norbert Takats




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Trotz der vier Sitze und der kompakten
Abmessungen wirkt das Werkscabriolet

elegant


Die Ärtze

Nach seinem Ausscheiden bei Nordstadt verlegte sich Günter Artz auf radikal umgebaute Autos von Opel bzw. GM. In einer Rüsselsheimer Halle stehen gleich zwei dieser Exoten.

Es handelt sich einmal um ein Corvette Cabrio aus dem Jahr 1986, das sich seinen Werdegang auch nicht hätte vorstellen können, als es in Bowling Green vom Band gelaufen ist. Nach einer umfangreichen Metamorphose sah es am Ende nämlich so aus:

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Ihr seht richtig, es ist auch bei der Herstellung des CORVETTING keine Verwechslung passiert, die Corvette sieht jetzt tatsächlich so ähnlich aus wie ein Opel Kadett E GSI.

Etwas weiter ausholend möchte ich die Historie des Autos, seines Geburtspaten und meiner Historie damit beschreiben. 1973, ich war kurz davor, meinen Führerschein zu machen und bereits seit geraumer Zeit eifriger Leser der Auto, Motor und Sport, stieß ich zum ersten Mal auf den Namen Artz.

Günter Artz, der Geschäftsführer des VW-Autohauses Nordstadt, hatte eine geniale Marketingidee, um auf sein Unternehmen aufmerksam zu machen.
Er ließ in seiner Firma den „Nordstadt-Käfer“ bauen. Dazu wurde ein VW Porsche 914/6 seines Blechkleides beraubt und darauf wurde ein modifiziertes Käfer-Häuschen gebaut mit praktisch unsichtbaren Kotflügelverbreiterungen – ich war schwer beeindruckt!2_265

Das Ding sah aus wie ein ganz normaler Käfer und ging ab wie die Post, ein Satz aus der AMS blieb mir bis heute unvergessen: Der Fahrer eines anderen Autos zog bei 180 auf die rechte Seite, der Käfer zog beschleunigend vorbei "und eine kleine Wolke aus dem Auspuff zeigte, dass hier gerade geschaltet wurde." (nicht vergessen: 1973!!!)

Nach genau dem gleichen Strickmuster, sollten dann im Lauf der nächsten beiden Jahrzehnte noch vier Autos entstehen:

Zunächst wurde 1978 mit einem Porsche 928 als Basis und einer in allen Richtungen vergrößerten Golf-Karosserie der Nordstadt-Käfer noch übertroffen. Ein Jahr später wurde noch ein zweiter Golf 928 gebaut, der schon lange nur 50 Kilometer von mir entfernt steht, hier ein Bild einer gemeinsamen Ausfahrt in diesem Jahr:

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Damit war das Thema erst mal durch, Günter Artz schied bei Nordstadt Anfang der 80er aus, gründete ein eigenes Autohaus mit dem Namen „Opel-Blitz“ und verkaufte in Hannover erfolgreich die Autos aus Rüsselsheim.

1989,4_265 mittlerweile war ich nach über zehn Jahren mit langsamen Autos endlich vernünftig motorisiert - als Opel-Fan aus Rüsselsheim bewegte ich einen Kadett E GSI 16V - und verschlang alles an Testberichten und Infos über die Autos und deren Tuning, als diese rallye racing erschien:

Uiiii!!! Da ist der Name Artz wieder, jetzt mit dem „CORDETT“!

Er hatte ein nagelneues 86er C4 C4-Cabrio gekauft, die Karosserie entfernt und in unzähligen Arbeitsstunden eine Kadett-Karosserie dran gebaut, bei der außer den Türen jedes Blechteil heftig modifiziert wurde und u.a. auch eine neue Front- und Heckscheibe nach Maß angefertigt werden mussten. Armaturenbrett und Innenraum entsprechen nach wie vor dem der C4, die Rücksitze kamen von einem Porsche 928. Das Auto ging dann noch nach Leingarten zum Corvette-Tuner Callaway, wo Ernst Wöhr und Giovanni Ciccione die Antriebseinheit von den serienmäßigen 240 PS auf über 300 PS erstarken ließen.

Die Gesamtkosten für die Herstellung des Cordett lagen bei ca. 240.000 DM – Wahnsinn!

Auch in der AMS gab es einen Bericht, auch hier der direkte Vergleich mit einem serienmäßigen 15 cm schmaleren Kadett.
Für mich damals ein sensationelles Auto, totale Begeisterung und ich habe bestimmt die Zeitschriften mehrfach vollgesabbert.

2007/2008 kam mir der Cordett wieder vor die Augen. Er wurde lange Monate von dem Oldtimer-Händler Springbok in Hannover bei mobile angeboten, zunächst normal bepreist, dann wieder mal utopisch teuer, irgendwann wurde er wieder günstiger und ich immer unruhiger, beschäftigte mich intensiv mit den Artz-Umbauten, las alles im Netz etc.

Irgendwann reichte es mir, ich fuhr nach Hannover, besichtigte das Auto, machte Fotos, fuhr es Probe, verhandelte den Preis aus, und...

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... bekam doch noch kalte Füße (Einzelstück, schwierig zu reparieren etc.) und sagte ab.

Dann war er weg und in der Folgezeit ärgerte ich mich jedes Mal, wenn das Thema auf ein Artz-Auto kam, dass ich nicht zugeschlagen hatte. Üble Stiche in die Wunde waren der Auftritt des Cordett beim Stadtparkrennen in Hamburg 2009.

Und ein Bericht über den Cordett zusammen mit dem Golf 928 in der Oldtimer Markt.9_265

Jedes Mal der Gedanke, wieso hast Du Volldepp das Auto damals nur nicht gekauft?

2009 bekam ich Nachricht von jemandem aus einem Altopel-Forum, der Artz-Lotus Calibra stünde zum Verkauf.

Hä, was ist das denn?

Als letztes großes Projekt hatte Günter Artz einen Lotus Omega, Anfang der 90er die schnellste Serienlimousine der Welt, gekauft, mit dem sich der Vorbesitzer überschlagen hatte. War egal, die Karosserie kam sowieso weg und dieses Mal wurde eine Opel Calibra-Hülle drumrum gebaut.
Es war die teuerste (der Umbau kostete insgesamt über DM 300.000) und perfekteste aller Artz-Kreationen, von einem normalen Calibra angeblich fast nicht zu unterscheiden – gescheite Bilder gab es von dem Auto aber nicht.

Egal, also denjenigen, von dem ich die Info hatte, mit der Kontaktaufnahme betraut – das sollte mir schließlich nicht noch mal passieren - Ergebnis war aber, das Auto sei doch nicht zu verkaufen - Mist!

Ein Jahr später dann die Nachricht, er hätte doch verkauft an den Einzigen, dem er das Auto je gegeben hätte, nämlich den Eigner eines der beiden Golf 928 und des Cordett.

Somit waren alle drei Autos in einer Hand und die Messe war für mich gelesen, zumal der Eigner des Trios auch deutlich jünger war als ich, somit bestand auch biologisch keine Chance mehr, an die Autos dran zu kommen. Im Scherz sagte ich manchmal, vielleicht kommen sie irgendwann mal alle drei auf den Markt. Insgesamt hieß es aber: Thema durch und weiter ärgern!

In einem kleinen Sportfahrer-Forum, in dem ich auch Mitglied bin, tauchte dann im November letzten Jahres ein Thread auf, in dem jemand über ein Auto berichtete, dass er gerade gekauft hatte, nachdem seine Familie es vor 30 Jahren schon einmal besessen hatte. Ich klickte den Thread an und traute meinen Augen nicht: einer der beiden Artz Golf 928!

Kurze Nachfrage, ob es der Golf vom Besitzer der drei Artz-Autos war, und sofort nach den Kontaktdaten des Verkäufers gefragt. Wenn der Golf verkauft wurde, musste auch mit den anderen beiden Autos etwas gehen!

Nach einer halben Stunde kam die PN mit den Daten und der Besitzer erwarte meinen Anruf.

Zwei Minuten später hatte ich ihn am Ohr, wir sprachen sofort die gleiche Sprache und nach einer Stunde Telefonat vereinbarten wir einen Besichtigungstermin - glücklicherweise hatte ich zwei Wochen später eh geschäftlich in Hamburg zu tun.

Dann kam der Tag, die kleine Halle ging auf und da standen sie:

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Den Cordett kannte ich ja schon, aber der Calibra hat mich fast umgehauen, der Umbau hat wirklich die Proportionen des originalen Calibra sensationell erhalten - ganz großes Kino!

Nach drei Stunden stand für mich fest, dieses Mal gehen mir die Autos nicht mehr durch die Lappen. Wir waren uns allerdings mit den Preisvorstellungen noch bei weitem nicht eins und so ging es ohne konkretes Ergebnis wieder nach Hause.

In den nächsten drei Wochen (immer dieses Warten, man kann ja nicht jeden Tag anrufen) gab es dann einige Telefonate, in denen wir uns schließlich einig wurden, der Kaufvertrag wurde per Fax ausgetauscht und fixiert.

Ich machte mich sofort auf die Suche nach einer Spedition, ein Abholungstermin wurde vereinbart und kurz vor Weihnachten fuhren meine Tochter und ich gen Norden, um die Formalitäten zu erledigen und bei der Abholung dabei zu sein.

Bei der Abholung:

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Klappen zu und ab die Post!

Am nächsten Vormittag morgen kamen die Autos dann wohlbehalten an der Halle an:

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Am gleichen Tag kam noch ein Kumpel mit seinem Calibra vorbei, damit wir die Proportionen der beiden Autos vergleichen konnten.

Sagenhaft, man muss selbst dann genau hinschauen, um den Unterschied zu sehen, obwohl der gelbe fast 30 cm länger und 10cm breiter ist als der originale.

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Im Sommer habe ich den Cordett dann zugelassen und bei einem großen Oldtimertreffen in Rüsselsheim präsentiert, auch bei der 50 Jahres-Feier des Opel-Testgeländes war der Cordett eingeladen.

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Die Reaktionen des Publikums waren jedes Mal umwerfend, Interesse an dem Auto ohne Ende – unglaublich, wie viele Leute schon von dem Auto gehört oder gelesen hatten, es aber noch nie live vor den Augen hatten.

Aktuell wird gerade das H-Gutachten erstellt und im nächsten Frühjahr kommt er dann als Oldtimer wieder auf die Straße!

So, das war es von meiner Seite - ich hoffe, die Geschichte über meine viersitzige Corvette im Opel-Tarnkleid und den Lotus Omega im schlanken Beauty-Outfit hat Euch nicht gelangweilt!

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Jürgen Reitz *4619
jreitz@trendconcept.com

Der Lehrer und sein Auto - Kleine Geschichte über einen “Bienen-Opel” Bj. 1939

39er_olympia_800_0139er Olympia

Herr Guido war Primarlehrer, liebte seinen Job und war von seinen Schülern wie von den Kollegen geschätzt und zugleich respektiert. Tätig war er in einem kleinem Dorf in einem abgelegten Tessiner Tal, wo es auch nach dem 2. Weltkrieg gebräuchlich war, dass die Schüler ein Stück Holz von daheim in die Schule brachten, um den Ofen warm zu halten. Der Ofen wurde jeden Morgen normalerweise vom Lehrer angefeuert; er kam deshalb früh in die Klasse um eine einigermassen erträgliche Temperatur zu bewirken bevor die Schüler kamen. Meine Mutter, frisch gebackene 19-jährige Lehrerin, war nicht imstande den Ofen

anzumachen, sodass es in ihrer Klasse Aufgabe der Schüler war, den Raum zu heizen. Sie war als junge Primarlehrerin bei ihrem ersten Job und betreute drei Klassen zugleich. Sie erinnerte sich an die kalten Morgen im Winter, an die feuchten Räumen des Gebäudes das im oberen Stock die Gemeindeverwaltung beherbergte. Für sie als Stadtmädchen, die mit dem Zug jeden Tag pendelte und dann zu Fuß (bei schlechtem Wetter) oder mit dem Velo die drei Kilometer lange Strecke vom Bahnhof bis zur Schule jeden Tag außer Sonntag absolvierte, war der Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Verhältnissen noch prägnanter.

Zum Beispiel: Die meisten Kinder in ihrer Klasse trugen nur Holzschuhe. Die ersten Lederschuhe bekamen sie von der jungen Lehrerin geschenkt. Daran erinnern sich ihre damaligen Schüler mit Dankbarkeit heute noch und haben es mir erzählt.

Als meine Mutter 1947 ihren Job anfing war ihr Kollege Guido schon Mitte 40. Seine Karriere als Primarlehrer hatte er bereits in den 20er Jahren angefangen: Geboren 1902, war er 1920 bereits diplomiert. Er war intelligent und begabt, streng – wie es sich damals für jeden Lehrer gehörte – und doch gutmütig und ehrlich. Obwohl nicht von großer Statur behielt er eine stolze Haltung, die durch seine grauen Anzüge betont wurde, stets mit einer passenden Krawatte getragen, und war somit immer elegant gekleidet. Hätte er die Möglichkeit gehabt, wäre er nach Meinung meiner Mutter Uni-Professor geworden. Aber er blieb Primarlehrer im Dorf. Herr Guido stammte aus einer alten bürgerlichen Familie, die leider viel Geld bei der Bankenkrise der 20er Jahre verloren hatte. Die Familie, die ein großes Landgut etwas abseits der Gemeinde sein eigen nannte, besaß bereits anfangs des 19. Jahrhunderts einen Wagen, einen Fiat (sehr wahrscheinlich einen herrschaftlichen Torpedo Typ 6, 50/ 60HP), der später gegen einen Opel Modell 4/16 Bj. 1928 ausgetauscht wurde. Dieser war viel kleiner als der Fiat (der mit seinen drei Sitzreihen viel Platz bot). Der Opel war jedoch karossiert und als Innenlenker komfortabler. Wegen des 2. Weltkriegs wurde dieser Opel zum Autotraktor umgewandelt, weil die ganze Familie mit fünf Kindern vermehrt mit landwirtschaftlichen Aktivitäten beschäftigt war. Zum Glück hatte sie noch viel Land behalten können, das mit bescheidenem Profit bewirtschaftet wurde. So konnte die Familie zwar nicht so luxuriös wie früher leben, musste jedoch nie hungern. Herr Guido war der älteste von fünf Geschwistern; nach dem plötzlichen Hinschied des Vaters übernahm er die Führung der Familie und des Landgutes. Guido machte seinen Führerschein sehr früh, als es noch genügte dem einzigen kantonalen Experten zu beweisen, einigermaßen imstande zu sein, den Wagen zu lenken und die Gänge einschalten zu können.

1947 war der Salär eines jungen Tessiner Lehrers bescheiden: meine Mutter bekam gerade 400 Schweizer Franken im Monat, die Hälfte davon vom Kanton, die andere von der Gemeinde ausbezahlt. Und in dieser Splitterung lag das Problem, weil die Gemeinde immer in Verzug war, ihren Anteil zu zahlen da sie ständig knapp bei Kasse war. Herr Guido wartete deswegen Ende jeden Monats mitten auf der Straße auf den Bürgermeister um ihn anzufordern, endlich den Verpflichtungen nachzugehen. Lehrer Guido hatte in der Zwischenzeit geheiratet und die große Familie – Frau, Mutter und Geschwister – brauchte das Geld dringender als meine Mutter die noch bei ihren Eltern in Bellinzona lebte. Eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse der kleinen Gemeinde war nicht in Sicht. Im Gegenteil, viele wanderten aus, sodass das kleine Dorf ärmer wurde.

Bis Guido sich eines Tages etwas einfallen liess: Er wurde Bienenzüchter. Der Entscheid kam nach langer Überlegung. Zuerst dokumentierte er sich, ging dann in die Deutschschweiz um Bienenzüchter zu befragen und mit einem bescheidenen Inventar fing er an. Er wurde schnell erfolgreich und seine Bienenzucht wuchs jedes Jahr. Als Lehrer hatte er mehr Freizeit als andere Arbeiter und er betreute seine Bienen mit Sorgfalt und Hingabe. Die Zucht konnte ihm einen beträchtlichen Nebenverdienst einbringen und er konnte somit etwas Geld auf die Seite legen. Er konnte gut Deutsch und Französisch und hatte seine Kontakte in der Schweiz, die ihm unter anderem auch beim Verkauf des Honigs halfen. Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung wurde zugunsten der Bienenzucht aufgegeben; die Wiesen und die Acker der Familie wurden verpachtet. Der zuverlässige Opel-Autotraktor wurde fortan zum Transport der Honigkisten zum Bahnhof eingesetzt.

1950 war es soweit. Der alte Opel-Traktor lief immer noch, war jedoch nicht für einen sonntäglichen Spaziergang mit der Familie geeignet, die in der Zwischenzeit durch einen Knaben bereichert wurde. Herr Guido fuhr mit dem Zug nach Bellinzona und sah sich um. Für einen neuen Opel Olympia reichte das ersparte Geld lange nicht. Einen Austin wollte er nicht, einen Ford ebenso wenig. Er wurde schnell fündig und entdeckte einen schwarzen Opel Olympia Bj. 1939, der ihm auf Anhieb imponierte. Das war ein Auto! Viertürig ausgestattet, schien der Opel wie neu zu sein, sogar luxuriös sah er aus. Die drei Seitenscheiben liessen ihn durchaus grösser erscheinen und die schöne Form ließ den 4/16 altertümlich wirken, obwohl nur zehn Jahren dazwischen vergangen waren. Er meinte, der neue 1950er Olympia, der bei der „Garage Moderno“ als Neuheit gerade präsentiert wurde, sah zwar moderner jedoch nicht so drastisch anders aus und das war beruhigend. Und der 50er war sowieso nur zweitürig lieferbar.

Herr Guido war wie gesagt kleingewachsen und er fand sich hinter dem Lenkrad auf Anhieb zurecht, auch mit dem unfehlbaren Hut auf dem Kopf wie es sich für einen vornehmen Herrn damals gehörte. Die kleinere Fahrertür störte ihn nicht.

Dieser Olympia war von einem Industriellen neu gekauft worden, der sich 1950 seinen Opel Kapitän leisten konnte und den alten Olympia mit nicht einmal 50.000 Kilometern Laufleistung als Teilzahlung der Garage Moderno zurückgab. Als Herr Guido mit seinem Neuerwerb das kleine Dorf erreichte, schien die Welt zu kopfzustehen: Er fuhr zuerst zum Hof, wo der Wagen von allen Familienmitgliedern lange mit viel Begeisterung bewundert und begutachtet wurde. Frau, Kinder und Geschwister legten dann die Sonntagskleider an, die Frau Gemahlin ihren schönsten blumengeschmückten Hut und alle stiegen begeistert ein. Der Lehrer fuhr dann eine Runde durch das Dorf, um den Einwohnern den Neuerwerb zu zeigen, mit den strahlenden Kindern die aus den hinteren offenen Fenstern winkten. Die neidischen Einwohner sagten abschätzend, es sei ja nur eine Occasion. Die anderen waren von den vier Türen und den Chromteilen wie z. B. von den schönen Radkappen beeindruckt und gratulierten den Herrn Lehrer, der inzwischen den Wagen vor dem Wirtshaus auf dem Gemeindeplatz parkiert hatte. Unter den Neidischen befand sich der Bürgermeister der ja nur Velo fuhr! Herr Guido hatte miteinberechnet, nach dem Kauf des Wagens auf den Gemeindeanteil seines Salärs länger warten zu müssen, aber die Bienenaufzucht lief erfolgreich genug um reichhaltig Bargeld einzutreiben. Die heutigen Krankheiten der Bienen gab es damals zum Glück nicht. Für jeden Einwohner wurde der schwarze Olympia schnell “Bienen-Opel” genannt weil es klar war, dass das Einkommen eines Lehrers mit Familie den Kauf eines Wagen, auch nur einer Occasion, nie ermöglicht hätte. Erst die braven Bienen ließen dies zu.

Guido unterhielt der Wagen im perfektem Zustand: Vor jeder Sonntagsfahrt mit der Familie wurde er gewaschen und mit einer Zeitung aufs Glanz gebracht. Mit dem Nitrolack war dies damals üblich: Wasser, Zeitungspapier und kräftige Kreisbewegungen waren die richtige Methode, den Lack brillieren zu lassen. Der Nachteil war nur, dass der Glanz schnell verschwand. Habe ich selber probiert: Es funktioniert und einen Tag lang bleibt der Wagen schön.

Wegen der inzwischen um zwei Söhne gewachsenen Familie hätte die gnädige Frau Gemahlin lieber einen zweitürigen Wagen gehabt. Aus Sicherheitsgründen. Doch das bürgerlichere Ansehen des viertürigen Olympia überzeugte sie schnell. Der Wagen, obwohl in die Jahre gekommen, hob sich nach wie vor von der Masse ab und demonstrierte, dass sein Besitzer sich etwas mehr als nur ein einfaches Autöli leisten konnte. Das machte Lehrer Guido und die Mitfahrenden so stolz.

1958 erwarb er einen hellgrauen Opel Rekord P1 und der alte Olympia wurde in die Remise neben dem Stall einstweilen eingemottet. Die Söhne entdeckten ihn später und fuhren rücksichtslos damit auf dem Hof: eine Beule hier, eine andere dort, plötzlich wurde der Wagen zum Schrotthaufen gefahren der zum Glück von einem Liebhaber gerettet wurde. Er bewahrte den Wagen jahrelang.

Ich habe den alten vergammelten Olympia in den 80er Jahren bekommen, im Paket zusammen mit anderen Opel. Sein Zustand war zu schlecht, um auf eine Restaurierung zu denken. Die kleine Fahrertür fand ich unbequem: Ich war grösser als Lehrer Guido und hatte meine Mühe, ein- und auszusteigen. Ich habe deshalb den Wagen auseinandergenommen: Achsen, Motor und Getriebe sowie die noch brauchbaren Teile und die Türen wurden aufbewahrt. Ich wollte mir einige Teile für unseren zweitürigen 1938er Olympia somit besorgen. Übrigens: Den P1 vom Lehrer Guido habe ich ebenfalls bekommen. Versteht sich.

Adam hat mich gefragt „Wozu denn die vergammelten Türen des 39er Olympia aufbewahren, da wir sie nicht gebrauchen können?“ Ich habe ihm die alte Geschichte erzählt. Sie sind eine nostalgische Erinnerung an den damals schönen und geschätzten “Bienen-Opel”.

 

Mattia Ferrari *782

 

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Bitte einsteigen und Türen schliessen!
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Der vergammelte Olympia in den 80 Jahren
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Keine Spur mehr vom damaligen Glanz
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Olympia 1939
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Unser 38er Olympia scheint fast
zu schön zu sein
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Unser 38er Olympia von hinten
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Unser 38er Olympia

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