MENU

[zurück zur Clubzeitung]

 

20150901_11_54_21microsoft_edge_800

Auf die Homepage übernommene Themen sind:




Historie:

-  50 Jahre Kadett B

-  Dreimal lebenslänglich - Olympia A


Report:

Alles bleibt anders - Eindrücke vom 44.

    Internationalen Jahrestreffen 2015 in          Speyer ( Unterseite Treffen)

 

-  Der Jugendtraum geht in Erfüllung

    Kapitän PL


 

Inhalt dZ 232:

 

Die hier vorgestellten Inhalte sind nur eine

Auswahl der tatsächlich im Heft behandelten Themen.

Unter anderem im aktuellen Heft:


Report:

-  Alles bleibt anders -

   44. Jahrestreffen in Speyer

 

-  Endlich wieder Manta A!

 

-  Der Jugendtraum geht in Erfüllung

    Kapitän PL


Historie:

-  50 Jahre Kadett B

-  Dreimal lebenslänglich - Olympia A


Technik:

Reise um die Ostsee - Corsa B


 

 

Das Titelfoto…
…kommt von Ben de Wilde *1949 und wer unser Jahrestreffen besucht hat, erkennt den Hintergrund: das Kadett C GT/E Coupé wurde auf dem Gelände des Auto- und Technikmuseums Speyer aufgenommen. Dieses Mal wollte ich meinen Freund Ben foppen und, bewaffnet mit der (fast) neuen Kamera, das bessere Bild schießen. Gelungen ist
mir das nur fast. Genau genommen kam keins meiner Fotos in die engere Wahl. Der Ben macht schon gute Fotos. Und ein neues altes Auto hat er auch. Davon erzählen wir in der Titelgeschichte im Heft.

 

   

 

 

 

 


 

 

 

20150903_07_06_19dokument1__microsoft_word_1062

 

Nach der Historie im Oldtimer Markt 05-15 hier zwei kleinere Beiträge zum Kadett B/ Olympia A. Den Anfang machen Erinnerungen von Mattia Ferrari, die sehr schön die Modellvielfalt und den sportlichen Charakter der Baureihe aufzeigen. Es folgt ein Stück, das ich ursprünglich für den Oldtimer Markt geschrieben habe. Die Fotos wurden leider durch Blitzschlag vernichtet. Deshalb habe ich auf ein Werksfoto zurückgegriffen. In der kommenden Ausgabe gibt es mehr zum Kadett B.

 

Mamas Flitzer

Meine vier Begegnungen mit einem Kadett B

 

Als mein Vater beschloss, nicht mehr als Kantonsrichter in Lugano zu arbeiten sondern sich selbständig zu machen und seine Anwaltskanzlei eröffnete, blieb meine Mutter ohne Wagen. Vater fuhr zuerst mit seinem Peugeot 404 GL – ab 1969 mit einem Mercedes 250 – morgens fort und kam abends spät wieder heim. Und gerade 1969 haben meine Eltern deshalb beschlossen, dass es an der Zeit war, einen zweiten Wagen zu kaufen. Mit vier Kindern sollte der Zweitwagen gross genug sein. Da hatte ich für einmal mehr Einfluss auf die Wahl des passenden Fahrzeuges als vor vielen Jahren. Sie dürfen raten, was ich empfahl: aber ja, einen Opel Kadett, der so nett aussah, kompakt und doch gross genug und überdies wirtschaftlich war. Ein „richtiges Auto“, wie der Prospekt damals betonte. Erstaunlicherweise waren meine Eltern sofort einverstanden. Bei der Opel-Vertretung Della Santa in Bellinzona wurde der weiße Kadett als Standardversion mit schwarzen Kunststoffsitzen bestellt. Kein Radio war drin, weil der Wagen eher für kurze Strecken vorgesehen war. Ausserdem: die vier Kinder hätten ohnehin für unterhaltungsvolle Begleitung gesorgt…

Um ihn etwas sportlicher erscheinen zu lassen habe ich ihm später einen schwarz-weiß karierten Streifen auf der Gürtellinie verpasst. War billig und zugleich exklusiv. Und passte überdies sehr gut zum sehr sportlichen, wenn nicht waghalsigen, Fahrstil der Fahrerin.

Ich mag mich noch erinnern, als der Kadett geliefert wurde: Die amtliche Nummer war damals hoch (Vater hatte 1959 die Nummer TI 29133 bekommen) aber zugleich sehr schön: TI 77767!

Ich war begeistert, unser erster Opel war endlich angekommen. Bereits nach der ersten Probefahrt wurde er zum Liebling der Familie. Nur: Wir hatten damals keine Garage für einen zweiten Wagen, sodass einen Einstellplatz in der Halle des Nachbarn gemietet wurde. Das kam mir sehr gelegen, weil ich die Möglichkeit und das Privileg hatte, den Wagen vorzufahren bzw. darin zu parkieren. Jeder wusste, dass ich schon seit Jahren fahren konnte. Nur eins hatte mir Mama verboten: auf der öffentlichen Straße zu fahren. Aber ab und zu…na ja, weder Mutter noch Vater haben es je gewusst und die Nachbarn waren immer freundlich, schauten zu und blieben still. Ab und zu, wollte ich sagen, habe ich mir schon einen kleinen „öffentlichen“ Spaziergang am Steuer geleistet. Schon wieder kriminell, rückfällig ist er sogar, werden die Leser sagen… Tempi passati!

Mama war vom kleinen Opel begeistert: er war wendig, schnell genug und er hatte einen Riesenkofferraum, was für ihre Einkäufe ideal war. Sie hat schon immer einen Bleifuß gehabt, sodass der Kadett, nachdem er eingefahren wurde, unerwartet schnell spurtete. Mutter kannte den GT-Spruch „Nur fliegen ist schöner“ nicht, doch es gelang ihr trotzdem, dem Kadett Flügel zu verleihen!

Unser Kadett hatte aus Sicherheitsgründen zwei Türen: Mit den Kindern weiß man ja nie, dachten die vorsichtigen Eltern. Doch mein jüngster Bruder, der nie in den Kindergarten wollte, saß eines Morgens weinend im Auto auf dem Hintersitz (damals waren Kindersitze noch unüblich). Plötzlich warf er sich während der Fahrt nach vorne und es gelang ihm blitzschnell die Fahrertür zu öffnen. Er wurde wie durch ein Wunder von meiner Mutter zum Glück noch rechtzeitig aufgegriffen sonst wäre er auf die Straße oder noch schlimmer unter die Räder gekommen. Der Schreck war so groß, dass niemand mehr daheim wagte, den Kindergarten auch nur zu erwähnen.

Mit diesem Kadett habe ich 1971 nach einer sehr kurzen Fahrschule die Fahrprüfung bestanden. Auch aus diesem Grund bin ich mit diesem Auto verbunden.

In den folgenden Jahren benutze ich einen Kadett B Caravan eines von meinem Onkel geführten Fuhrunternehmens, um alte Teile einzusammeln. Das zuverlässige Raumwunder hat kistenweise Alt-Opel-Teile transportiert. Darüber habe ich schon früher erzählt.

Vater benutzte den Kadett sehr selten. Einmal fuhr er nach Bellinzona mit dem „Autöli“. Es war windig an diesem Tag, der Kadett fuhr zügig und der Vater erschrak weil der leichte Wagen windempfindlicher als sein Mercedes war. Er kam heim und sagte: Der Kadett ist gefährlich, hat keine gute Straßenlage, ist zu windempfindlich und deshalb instabil. Wir lachten alle sehr amüsiert und glaubten an einem Spaß aber er blieb seriös und unbeirrt. Der Kadett muss weg, verkündete er. Hätte er gewusst, wie schnell Speedy-Mama mit dem kleinem Auto fuhr! Wir schon, und hatten immer unseren Spass dabei gehabt. So wurde der geliebte Kadett kurzerhand durch einen silbrigen Manta A 1.6 S ersetzt.

Der dritte Kadett B im Bunde war ein LS. Ich hatte ihn von einem Freund bekommen. Der damals für mich „komisch aussehende“ Wagen – ehrlich gesagt, mir hat diese Heckpartie ab C-Säule nie besonders gefallen – hatte Vergaserprobleme und lief nicht so rund wie ich es mir gewünscht hätte. Meine Versuche, den Vergaser richtig einzustellen blieben erfolgslos. Ein neuer Vergaser kam aus Kostengründen jedoch nicht in Frage. Ich hatte per Zufall die Möglichkeit, ihn gegen einen silbergrauen Renault 16 einzutauschen. Mit gefiel dessen Lenkradschaltung über alles. Der dank Heckklappe praktische Renault fuhr anständig. Kurz nach dem Tausch wollte ich das Öl wechseln und musste mit Bedauern feststellen, dass er unten völlig morsch war. Ich tauschte enttäuscht zurück und fuhr dann weiter mit meinem hustenden Kadett LS.

Ende der siebziger Jahre hatte ich meine damalige Freundin überzeugt, einen orangeroten Kadett B 1200 Super zu kaufen. Es war eine gute Occasion mit geringer Laufleistung. Wunderschön war er mit einem schwarzen Dach, mit 60 PS (statt mit 50 PS wie im 1.1 L) und 13 Zoll Felgen! Diese Luxusversion war besser ausstaffiert, hatte z. B. ein Radio, heizbare Heckscheibe und Radzierringe. Sie war auch brillanter: der 1.2 S flitzte in 17 Sek. bis 100 km/h und erreichte 140 km/h. Das war der vierte und letzte Kadett B den ich erleben durfte.

Erstaunlicherweise habe ich bis heute keinen schönen Kadett B gefunden, sondern bin nur noch total verrosteten oder abgeänderten und deshalb uninteressanten und nicht erhaltenswerten Wagen begegnet. Deswegen fehlt er noch in der Sammlung, obwohl die beste Ehefrau von allen – haben die Leser schon erraten – völlig anderer Meinung ist.

Sag niemals nie, hat mir Adam gesagt.

 

Mattia Ferrari *782

 

 

 

 

kadett_1.2_super_400

Kadett 1.2 Super

 

 

 

kadett_b_ls_400

Kadett B LS

 

 

 

kadettbcaravan840_400

Kadett B Caravan

 

 

 

opelkadettblimousine196574085_400

Opel Kadett B Limousine 1965

 

 

 [nach oben]


 

 

 

opelolympiacoupe06_400Dreimal lebenslänglich

 

Es gibt zwei Methoden, eine Freundschaft zu ruinieren. Eine hat mit Frauen zu tun und soll hier nicht behandelt werden, die andere mit Autos, vor allem alten. Da ist plötzlich alles viel schlimmer als es aussah, man sucht sich eine neue Stammkneipe, ein neues altes Auto, einen Anwalt. So hätte auch diese Geschichte gehen können, aber sie geht anders.

„Das waren 600 Mark damals“, erinnert sich Matthias Sander aus Lippstadt-Eickelborn an den Kauf im Jahr 1979. Der gelernte Maschinenschlosser war 17 Jahre alt, und in deutlich besserer Verfassung als das Opel Olympia A 1900 Coupé F, Jahrgang 1970. Sander sagt Kadett, und damit hat er durchaus Recht. Opel hatte unter der Ägide des Entwicklers Hans Mersheimer die Überholspur entdeckt, und das Baukastensystem. Technische Finessen entwickeln, das konnten sie in Rüsselsheim, aber das hätte die Kosten getrieben und damit die Preise, und ein Opel musste bezahlbar bleiben. Mersheimer ließ einen V8 aus Oldsmobile-Beständen in sein Rekord A Coupé implantieren und konnte nicht nein sagen, wenn ein Journalist das Geschoss testen wollte. Das war die Initialzündung für den Rekord A6, und daraus entstand der Commodore, ein Rekord mit dem Sechszylinder des feudalen Admiral. Folgerichtig erhielt der kleine Kadett den großen CIH-Vierzylinder des Rekord, mit 1,9 Litern und 90 PS. Zu haben als rasant aufgemachter Rallye Kadett oder, ab 1967, als bourgeoiser Olympia, mit zwei- und viertüriger Fließheck-Karosserie, oder als Coupé F.

Der Rallye Kadett wurde zur Legende, der Olympia schon 1970 vom Ascona ersetzt. Bis dahin ging er vor allem in den Export. Sein bürgerlicher Stil kam besonders in den USA an, wo Buick für den Vertrieb sorgte und wo auch das Coupé von Matthias Sander 1970 erstmalig zugelassen wurde. Zwei Jahre später bretterte der Olympia über deutsche Autobahnen, die Gründe für die Rückkehr nach Deutschland sind nicht überliefert. Goldmetallic, die Innenausstattung beige, erinnert sich Winfried Leweling, der den Wagen 1976 entdeckte. Stand irgendwo an der Straße, zu verkaufen, und nach einer Durchsicht inklusive kleiner Hausfrisur heizte Leweling, damals noch als Autoschlosser aktiv, damit los. „An den Gardasee natürlich“, sagt er, und nicht nur auf der Werratalbrücke zitterte die Tachonadel schon mal jenseits der Marke von 200 km/h.

1979 legte ein Kabelbrand den Olympia lahm, es standen andere Autos bereit, und Winfried Leweling, heute im Rekord A Cabriolet von Deutsch und als Typreferent für die Alt-Opel IG unterwegs, trennte sich vom malträtierten Olympia Coupé. 17 Jahre war Matthias Sander gerade jung, selbst fahren durfte er sein erstes Auto noch nicht, aber „mal eben fertig machen“. Was genau darunter zu verstehen ist? Matthias Sander legt die Hand auf den Windlauf. „Da war nichts zu tun, und das Dach ist noch original. Alles andere musste gemacht werden, alles runter bis aufs blanke Blech, und schweißen, schweißen, schweißen.“

An dieser Stelle verschwimmen die Erinnerungen etwas, die Ereignisse liegen lange zurück. Rostverächter waren die kleinen Opel der Sechziger nicht gerade, aber viele Arbeiten wurden auch fällig, um dem Coupé die rasante Optik zu geben, die Kotflügelverbreiterungen und den kecken Bürzel auf dem Heck. „Das habe ich bei irgendeinem Japaner gesehen und nachgebaut“, erinnert sich Matthias Sander lachend, „Und der blaue Lack kam aus dem Toyota-Programm.“

So restauriert heute niemand mehr, doch genau diese Jugendsünden vermitteln den Charme der Zeit. Die Recaros stammen aus einem späteren Ascona, der Unterbau musste mit großem Aufwand angepasst werden. „Rockpalast“, schreit ein Aufkleber auf dem Armaturenbrett, inmitten der opulenten Sammlung an Zusatzinstrumenten lauert eine Anlage von Alpine. Diskret geht anders, hinter den ATS-Felgen im Format 7 x 13 gibt es Scheibenbremsen auch hinten, die 1900er Maschine wird von zwei Weber-Doppelvergasern beatmet, rund 105 PS leistet sie. Genug, um im GTI-Rudel mithalten und einem Manta mit 90 PS die Rückleuchten zeigen zu können.

1988 hatte Sander längst die Übersicht verloren, die angegebenen Kosten sind geschätzt. Ein Fünfganggetriebe, 1.500 Mark? Her damit, bei 1.600 Mark im Monat eigentlich heller Wahnsinn, aber irgendwann will man die Dinge stimmig haben und haut das Geld raus.

Zur Fehlinvestition wurde das Coupé aus drei Gründen: Bei einem Opel steckt man genau so viele Stunden ins Blech wie bei einem Modell einer Marke mit mehr Image und Wertsteigerung, zumal über einen solchen langen Zeitraum. Der Olympia gilt bis heute als zweite Wahl und wird bestenfalls von denen gesucht, für die der Rallye Kadett schon zu teuer geworden ist. Und: Dieses Auto war in den Achtzigern Zeitgeist pur, doch der Purist von heute würde es als verbastelt bezeichnen. Ein solches Coupé mit teuren Zubehörteilen wie dem Fünfganggetriebe, den Weber-Vergasern, nicht zuletzt der langen Liste an Eintragungen im Brief, aber auch Karosseriemodifikationen, ist schwer zu taxieren. 6.000 € vielleicht, und Illusionen kultiviert Matthias Sander nicht. Zerlegt und in Teilen versilbert gäbe es mehr dafür, sagt er, doch das ernüchternde Fazit kommt mit einem breiten Grinsen. Sein Kadett, sein erstes Auto, dann ist das eben alles ein bisschen zu grell geworden, aber das Ding knurrt immer noch wie der große Hund und geht richtig gut. Unterstrichen wird der Eindruck dadurch, dass andere Verkehrsteilnehmer das Auto auf 50 PS taxieren und entschlossene Überholvorgänge mit Erstaunen aufnehmen.

Würde er es wieder tun? „Ja, auf jeden Fall.“ Und dann, nach einer Pause: „Du behältst das Gute in Erinnerung, nicht die Wirklichkeit. Wie oft haben wir rumprobiert, bis er endlich richtig gelaufen ist. Die Kumpels waren im Urlaub, mit den Frauen, und wir waren am Machen.“ Noch eine Pause. „Die Frauen sind längst weg, ich habe den Kadett noch.“

Den Freund auch.  

 

Stefan Heins *1662

 

 

 [nach oben]


 

 

Der Jugendtraum geht in Erfüllung1_opel_kapitn_1979_txt_400

Oder wie ich zum Kapitän PL gekommen bin

 

Als 1959 meine Versuche gescheitert waren, meine Eltern zum Kauf eines Kapitän PL zu animieren, blieb dieser schöne Wagen schlichtweg ein Traum. Die Jahre vergingen, doch meine Vorliebe für diesen Wagen blieb bestehen. Mit 18 bekam ich endlich den Führerschein und durfte somit endlich offiziell fahren und begann unzählige Opel, insbesondere P1 und Rekord A sowie andere Wagen, zu sammeln. Aber nach wie vor war ich vom schönen Kapitän PL fasziniert. Das war anfangs der siebziger Jahre.

Eines Tages entdeckte ich, dass der silbergraue Kapitän PL („Montage Suisse“, versteht sich), den eine Frau in Bellinzona regelmäßig fuhr, immer noch eingelöst war. Das war fantastisch und kaum zu glauben! Ich kannte den Wagen schon lange, hatte ihn dann aus den Augen verloren und glaubte, er wäre längst verschrottet. Jetzt oder nie, dachte ich mir. Ich sprach unverschämt die Frau an und fragte sie, ob es nicht an der Zeit wäre, einen neuen Wagen zu kaufen. Altmodisch sei der Kapitän geworden, sagte ich ihr lächelnd und fügte jedoch klipp und klar hinzu, dass ich ihn gerade deswegen gern genommen hätte. Ich sehe noch das verdutzte Gesicht der Frau, die nach einigen Sekunden höflich sagte, sie würde es sich überlegen. Ich rief sie einige Tage später an und konnte es kaum glauben: Sie war bereit, mir den Wagen zu geben und fragte mich, wieviel ich anbieten konnte. Mein Budget war verständlicherweise bescheiden. Ich konnte nur auf meine eigene Mittel zählen (im Sommer und in den Ferien war ich immer sehr beschäftigt und erledigte die verschiedensten Arbeiten um ans Kleingeld zu kommen) und keine Hilfe seitens meines Vaters erwarten, der mein Hobby nicht verstanden hat. Die Mutter wollte ich nicht involvieren, zumindest noch nicht. Der Kapitän war aber schön, nicht verrostet, ohne Beulen. Ich bot der Frau 300 Schweizer Franken an und sie sagte sofort zu. Sie hätte wahrscheinlich einen niedrigeren Betrag akzeptiert, aber ich wollte mir den Kapitän nicht entgehen lassen und bot deshalb „auf Nummer sicher“. Das gesparte Geld war aufgebraucht, aber es lohnte sich!

Ich fuhr den Kapitän heim und bereitete mich vor auf die ewigen Diskussionen mit meinem Vater. Aber dieses Mal war ich fest entschlossen, meinen Neuerwerb zu verteidigen. Ich habe den Wagen sofort vorgeführt und konnte somit beweisen, dass es sich nicht um einen Haufen Rost handelte, wie er meinte. Der Kapitän war in einem Superzustand, sodass er den Segen der MFK auf Anhieb bekam und ich keine zusätzlichen Kosten hatte. Ich löste ihn mit Wechselnummer unter der Nummer TI 77767 des Opel Manta A 1.6 meiner Mutter ein. Zum Glück hat sie mich immer unterstützt und es war deshalb fast selbstverständlich, dass ich ihn unter ihrer Nummer einlösen konnte. Der Wagen gehörte fortan zur Familie und später war auch mein Vater vom Erwerb überzeugt.

Ich war so glücklich: Ein Traum war endlich in Erfüllung gegangen! Das war mein erster schöner Wagen, richtig eingelöst, das allein war schon ein Erlebnis! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die unzähligen P1 und A-Rekord sowie die anderen Wagen mit Tagesnummer gefahren, die ich beim Polizeiposten einlöste, sodass alle Polizisten mich nur allzu gut kannten und jedes Mal lachten und fragten: schon wieder einen alten Opel gefunden, oder? Sie nannten mich einfach „von Opel“.

Die Vorgeschichte des Kapitäns ist schnell erzählt. Er wurde 1962 von einem Zahnarzt – Vater der Verkäuferin – bei der Opel Vertretung Della Santa in Bellinzona gekauft. Der Mann starb leider früh und das Auto wurde fortan von dessen Tochter gefahren. Immer gehegt, gepflegt und gewartet, präsentierte er sich in den siebziger Jahren noch in einem schönen Zustand, sogar mit den transparenten Kunststoff-Sitzüberzügen und den Diagonalreifen von damals.

Wenn man jung ist, macht man ab und zu einige Fehler, die erst später bereut werden. Ich fand die silbergraue (und seltene) metallisierte Farbe – dich sich noch schön präsentierte – langweilig und sobald das Sparschwein wieder aufgefüllt war, entschied ich mich für eine Neulackierung, die von einem Freund im Hinterhof ausgeführt wurde. Die blaue Peugeot-Farbe gefiel mir sehr, war fröhlicher und – so glaubte ich damals – sie stand dem Wagen gut. Mit einem weißen Dach wäre das perfekt gewesen. Uns so wurde es gemacht.

Jahrelang bin ich mit dem Kapitän herumgefahren, er hat einige meiner Freundinnen kennengelernt. Die letzte wurde meine bessere Hälfte.

1979 fand ich zwei passende Nebellampen, die sofort montiert wurden. Erst viel später fand ich die originalen Nebelscheinwerfer. Ein zeitgemäßes Blaupunkt-Radio habe ich dagegen sofort eingebaut. Der Zahnarzt hatte darauf verzichtet.

Ich könnte viele Erlebnisse erzählen, die mit diesem Wagen in Verbindung standen. Eines Tages wollte meine damalige Freundin nach Varese fahren um dort einzukaufen. Ich willigte ungern ein und nahm alles aus dem Kofferraum heraus um Platz zu schaffen. Aber nach dem Monte Ceneri Straßentunnel zerriss der Keilriemen; Ersatz und Werkzeuge, die normalerweise immer mit dabei waren, waren diesmal zuhause geblieben. Ein klassischer Vorfall. Ich fragte die Freundin nach ihren Nylonstrümpfen aber sie hatte selbstverständlich keine angezogen. Es sei warm in Italien, meinte sie. Danke für die Hilfe. Mir war der Ausflug nach Italien schon verleidet. Der Patrouilleur des TCS behob die Panne schnell und wir fuhren weiter. Die jüngeren Leser meinen vielleicht, dass ich spinne und werden es kaum glauben, dass die Nylonstrümpfen im Notfall den Keilriemen provisorisch ersetzen könnten und werden – wie mein Sohn Adam – darüber lachen. Doch Ehrenwort, es funktionierte! Man sollte damals fantasievoll sein und den Tipp hatte ich von einem alten erfahrenen Mechaniker bekommen.

In Varese fanden wir winzige Parkplätze vor, die für Fiat 500 oder 600 geeignet waren, nicht aber für einen Großwagen. Das Glück hat mich im Leben immer begleitet und ich fand sogar zwei nebeneinander liegende Parkplätze die noch frei waren. Als ein Fiat 500 versuchte, mir einen davon wegzuschnappen, gab ich Gas und der Italiener besann sich anders, als er mit der massiven Stoßstange des Kapitän konfrontiert wurde. Bei einer Kollision wäre vom 500 nicht viel übrig geblieben. Wir stiegen fröhlich aus und da kam plötzlich ein Polizist und beanstandete, dass ich zwei Parkplätze in Anspruch nehmen wollte. Ich belegte die Bezahlung für beide und sagte höflich, aber entschieden: Wenn Sie imstande sind, den Kapitän auf einen einzigen Parkplatz zu platzieren, dann bitte schön, hier ist der Schlüssel. Verstört ging er auf und davon. Der Wagen blieb wo er war, ohne Busse, majestätisch schön mittendrin in den vielen neidischen Kleinwagen. Und die langweilige Einkaufstour mit der damaligen Freundin konnte beginnen.

Aus Spargründen hatte ich 4-Seasons-Pneus von ESSO montiert. Sie waren eher Winterpneu, mit einem grobstolligen Profil. Dank dieser Reifen habe ich einmal einen Mann zum Spital hinauf gebracht, der sich einen Arm verbrannt hatte und dies trotz mehr als 20 Zentimetern Neuschnee und ohne Ketten, versteht sich. Diese ESSO-Pneus waren im Winter sehr gut; im Sommer jedoch laut. Aber sie hatten einen Vorteil: Sie machten die Lenkung leichtgängig. Fragen Sie nicht nach der Länge des Bremsweges: Mit einem Wagen der fünfziger Jahre muss man heute noch vorausschauend und sowieso immer defensiv fahren.

Ein anderes Mal Mitte August, von plötzlichen Winterverhältnissen wieder überrascht, konnte ich die San-Bernardino-Strecke mit 15 Zentimetern Neuschnee problemlos hinauffahren, als alle anderen Verkehrsteilnehmer mit ihren Sommerpneus stecken geblieben waren. Ich habe vor Kürze zwei von diesen Pneus wieder bei mir im Lager entdeckt, die ich als Erinnerung an die damalige schöne Zeit behalten hatte. Adam meinte, sie wären für einen Jeep bestimmt.

Der Kapitän hat seine Fahrqualitäten mehrmals bewiesen. Adam hat mir gesagt, dass er keine Ahnung hat, wie so ein Wagen fährt. Meine Antwort fiel leicht: Bequem, solide verarbeitet, mit viel Komfort und großzügigen Platzverhältnissen. Er hat einen elastischen Motor, der die Beschleunigung von 30 auf 130 sanft und progressiv ermöglicht, was ich immer sehr geschätzt habe.

Dipl.-Ing. Dieter Korp äußerte sich wie folgt im Auto Motor und Sport Nr. 22 vom 24. Oktober 1959: „Es ist der Motor, der seinem Kapitän den ganz besonderen Charakter verleiht. Sein über einem noch weiteren Drehzahlbereich gleichmäßig hoch liegendes Drehmoment (19 mkg bei 1300-2500 U/min gegenüber vorher 17.6 mkg bei 1400-2400 U/min) bringt dem Fahrer angesichts der unerfreulichen Verkehrsverhältnisse erheblichen Gewinn. Die unglaubliche Zugkraft aus niedrigen Fahrgeschwindigkeiten heraus ersetzt wahrscheinlich ein halbes automatisches Getriebe und sicher drei Viertel einer Kupplungs-Automatik. Wenn man bedenkt, dass das maximale Moment bereits ab 1300 U/min zur Verfügung steht, was einer Fahrgeschwindigkeit im III Gang von rund 40 km/h entspricht, aus der man wirklich voll bis zur Höchstgeschwindigkeit beschleunigen kann – tatsächlich kann man schon ab 30 km/h Vollgas und ab 20 km/h Halbgas geben -, so fragt man sich wirklich, was diese ganzen Umwege mit Motoren kleiner Hubräume und raffinierten Kupplungshilfen noch sollen. (…) Das Berücksichtigenmüssen von nur drei Gangstufen stellt weiterhin eine für viele Fahrer willkommene Bequemlichkeit dar. Man wird zugeben müssen, dass hohes Drehmoment und Dreigang-Getriebe eine gute Kombination darstellen, wobei der III. Gang ein überaus angenehmer „Reisegang“ ist.“

Die drei Gänge haben mich tatsächlich nie gestört, ganz im Gegenteil; einen vierten Gang habe ich nie vermisst, was für meinen Sohn schwer zu verstehen ist. Man konnte ruhig schaltfaul fahren. Heute haben Autos sechs oder sogar neun Gänge; damals begnügte man sich mit dreien und die Fahrt war trotzdem gemütlich und bei Bedarf zügig genug.

Der Sechszylinder-Opel hatte 1959 wenig Konkurrenz in Deutschland. So diesbezüglich Dipl.-Ing. Korp (ibidem): „So kommt es, dass die beiden Sechszylinder von Daimler-Benz und Opel (der große Borgward ist noch nicht lieferbar) direkt miteinander verglichen werden. Sind diese beiden Marken wirklich vergleichbar? Das einzige, was sie grundsätzlich gemeinsam haben, ist die Anzahl der Zylinder. Sonst sind sie nach völlig verschiedenen Richtungen hin ausgelegt und durch ihre neue Preisgestaltung noch weiter auseinandergerückt. Mit dem gegenüber dem Mercedes 220 um 825.- DM billigeren Kapitän L (in Wahrheit müsste man ihn mit dem 220 S zu 13.250.- DM vergleichen) wird man in dieser Klasse und zu diesem Preis ausgezeichnet bedient. Wie wir eingangs schon zum Ausdruck brachten, glänzt er technisch nicht im einzelnen, sondern als Ganzes, sich ausgereift in einem repräsentativen Anzug vorstellend.“

Der Kapitän L kostete 1959 in Deutschland (mit Heizung) DM 10.675.-, vier Weisswandreifen kosteten 1959 den Aufpreis von DM 130.- und für die Nebelscheinwerfer musste man DM 81.- hinblättern. Bei uns in der Schweiz war das L-Modell zum Preis von 13.950 CHF angeboten. Ein 220 S kostete 17.900 CHF.

Übrigens: Einen Mercedes 220 S Ponton Bj. 1958 habe ich ebenfalls gehabt. Er wurde dank AHK als Abschleppwagen bei mir eingesetzt. Der Unterschied zum Kapitän war gewaltig. Ich hatte lieber den Opel, der breiter, dank Panoramascheiben heller und geräumiger im Innenraum war.

Mit dem Kapitän bin ich über jeden Pass gefahren, unser Ferienhaus im Graubünden auf 1400 Metern Höhe stets vollbeladen problemlos erreicht und habe nie Abkühlungsprobleme erlebt. Ein junger Mann sollte einmal diesen schönen Wagen probefahren, sonst sind für ihn bereits die drei Gänge – dazu noch am Lenkrad zu schalten – etwas Sonderbares. Mit anderen Worten: Was für uns Fahrer älteren Semesters alltäglich ist kann für Jüngere völlig fremd sein. (Anm. d. Red.: Diese Anregung möchte ich hervorheben.)

Der Kapitän fuhr immer sehr zuverlässig. Bis eines Tages der bekannte Vertreter der Ölmarke Castrol mich ertappte, als ich dabei war, HD 30-Öl einzufüllen. Aber nein, meinte er, der Kapitän verdiene was Besseres, zum Beispiel ein richtiges modernes Motoröl. Ich liess mich dummerweise überzeugen und wechselte auf Castrol. Das Resultat: Eine Freundschaft ging in die Brüche, als dieses Öl meinen Motor von seinen alten Ölrückständen so sauber machte, dass er blockierte. Es war das einzige Mal, dass ich per Autostopp heimfahren musste. Ich suchte einen Ersatzmotor und fand nur einen 2.5 L vom Vorgängermodell, den ich mit der Hilfe eines Freundes hineinpflanzte. Er ist heute noch drin.

Einige Jahre später kaufte ich einen anderen Kapitän PL mit dem großen Golde-Stoffschiebedach, weiß mit schwarzweißen Sitzen, komplett und rostfrei. Beide Autos sind noch bei mir.

Adam meint, wir sollten zumindest den weißen Kapitän restaurieren. Ihm gefällt die Form sehr. Er ist einen Kapitän noch nie gefahren. Ich hoffe, er findet keinen Alt-Opel-Freund, der ihm dies ermöglichen wird. Es läuft sonst akute Gefahr auf Verlieben, und dann müssten wir die Restaurierung beginnen. Teile hätten wir schon, Zeit eher weniger. Also lieber alles auf unser nächstes Leben verschieben!

 

Mattia Ferrari *782

2_opel_kapitn_silbergrau_1962_265Ursprünglich graumetallic

3kapitn_1983_1_265Der junge Mattia Ferrari freut sich

4_kapitn_1983_ascona_2_265Das Heck des Langschiffs zieren einige Aufkleber

5_opel_kapitn_mit_neuer_lackierung_265Im Sonnenlicht wirkt die Zweifarblackierung

6_kap_pl_mit_schiebedach__1978_265Noch´n Käptn – Kapitän P 2,6 mit Schiebedach, wenn auch ohne rechtes Rücklicht

7_kap_pl_mit_schiebedach_1_265

Hier von vorn

 

 

 

[nach oben]

 

 

 

 

 

Datenschutzerklärung | Impressum | Disclaimer